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Entsorgung von ‚Killerspielen`- wem wird geholfen?

15/10/2009

Wichtige Vorbemerkung: Mit den folgenden Ausführungen werde ich mit Sicherheit nicht bei allen Lagern im derzeit geführten Diskurs um „Killerspiele“ auf Zustimmung stoßen. Ich möchte daher deutlich machen, dass ich mir in keiner Weise anmaße, die schrecklichen Geschehnisse – die den Hintergrund der Debatte ausmachen – deuten und eine Pauschallösung bezüglich gewalthaltiger Computerspiele formulieren zu können. Ich leite meine Argumente und Schlussfolgerungen lediglich aus der zwar subjektiven, aber nüchternen Betrachtung der laufenden Diskussion ab. Ich möchte ausdrücklich hervorheben, dass es nicht mein Ziel ist die Angehörigen in irgendeiner Weise  zu beleidigen oder die Opfer zu verhöhnen – falls dennoch dieser Eindruck entstehen sollte, möchte ich mich schon hier in aller Form dafür entschuldigen, denn dies ist nicht meine Intention gewesen.

Ein hörbares Medienecho erhielt  heute die geplante Entsorgung von so genannten ‚Killerspielen‘ am 17.10.2009 durch das Aktionsbündnisses Amoklauf Winnenden. In Stuttgart werde man in einem Container das schmutzige Zeug, ja den Müll einsammeln und unschädlich machen, dafür gibt`s die Chance auf ein Fußballtrikot und ein reines Gewissen. Per Einstampfung vom Unliebsamen in die saubere, friedlich-heile Gesellschaft – (intakte) Familie statt Knarren, gewissermaßen.

So lässt sich dieser neue Versuch, das Verbot von gewissen Spielen wieder in Quelle: http://www.abload.de/image.php?img=f11t154p156n1556owd.jpgdie gesellschaftliche und schließlich auch politische Debatte zu führen, durchaus lesen. Die „Spielergemeinde“ (wer formt die überhaupt und wie viele sind das?) hat  gleich mit entsprechendem Protest reagiert; in verschiedenen Forumsbeiträgen wird da schon der Schlüsselbegriff Populismus laut – und in Anbetracht der martialischen Gestik, welche die geplante Aktion zeichnet, kann man das sogar ein wenig nachvollziehen. Von dem merkwürdigen, stark konservativen Beigeschmack ganz zu schweigen (war das gewollt?).

Mit einem liegen die Organisatoren jedenfalls richtig: Öffentliches Interesse haben und werden sie in den kommenden Tagen auf sich ziehen können. Doch ob dies eine gewisse Nachhaltigkeit erzeugen kann und ob mit einem Verbot von diesen „Killerspielen“ überhaupt jemanden irgendwie geholfen wird, diese Fragen bleiben erst einmal noch offen – mit hoher Wahrscheinlichkeit für eine längere Zeit. Die Meldung / Aktion sorgt kurz für Furore und nach einer Weile glätten sich wieder die Wogen – most likely. Vor allem, wenn die Gegner der so genannten „Killerspiele“ nicht überzeugend darlegen können, inwiefern ein Verbot sinnvoll zur Prävention von Gewalttaten beisteuern kann. Derzeit scheint es nämlich nur der Versuch zu sein, eine kurzfristige Scheinlösung für ein weitaus komplexeres Problem zu finden.

Der Ruf nach einem Verbot kann – wie immer in einer Demokratie – zu ganz anderen Schwierigkeiten führen. Denn viele, viele Fragen bleiben einfach offen: Was genau sind Killerspiele? (Wenn es mehrere gibt, warum wird immer nur CounterStrike gezeigt?) Was ist mit anderen Medien, wie gewalthaltigen Filmen oder Musik? Wer bestimmt wann etwas die ethischen Normen verletzt? Wer darf entscheiden, was erlaubt ist  und was nicht? Was passiert, wenn plötzlich andere Genres zu Gewalttaten führen –  soll an diese dann auch verbieten? Ich denke da beispielsweise an Fälle aus dem Fernen Osten, wo Online-Rollenspiele zu realen Morden geführt haben. Computerspiele – auch jene, die als Killerspiele bezeichnet werden – sind kulturelle Güter unserer gegenwärtigen Mediengesellschaft, so sehr sich einige dagegen auch sträuben wollen. Wann darf man so ein ein Kulturgut, egal wie positiv oder negativ es Teile der Gesellschaft bewerten, dem allgemeinen Zugang entziehen? Wie eng dürfen diese Grenzen gezogen werden? Wer darf über die Medienkompetenz des Individuums entscheiden?

Es ist stets mit großer Verantwortung sowie mit nicht wenigen Gefahren verbunden, Verbote über Medien zu erlassen- mit der BPjS besitzt die BRD aber bereits (zum Glück!) eine funktionierende Institution, die uns vor moralisch Unhaltbarem bestmöglich abzuschirmen versucht. Weitere Regelungen / Verbote könnten eher zu zusätzlichen Komplikationen führen und eine ungewisse  wie fragwürdige  Zukunft für den Umgang mit neuen Medien eröffnen. Von dem Reizgewinn der Illegalität zensierter Inhalte ganz zu schweigen. Also welchen Nutzen hätten neue Gesetze? Natürlich muss hierbei das verfügbare rechtliche Instrumentarium konsequent angewandt werden, um die Verkäufe von jugendgefährdenden Inhalten an unter 18-Jährige zu unterbinden.

Man möge mich nicht falsch verstehen: ich selbst bin kein großer Fan von CounterStrike und Co. Ich finde sie langweilig und inhaltlich sind sie offensichtlich höchst diskutabel, denn: ja man muss in ihnen simulierte Gewalt anwenden – in unzähligen anderen Genres aber auch. Dies mag für manche (oder auch viele)  abstoßend sein, kein Frage. Aber das berechtigt noch lange nicht darüber zu bestimmen, wann etwas frei verfügbar sein darf und wann nicht . Vor allem, wenn nicht zweifellos empirisch überprüft worden ist, dass die unterstellten Effekte tatsächlich von solch gravierender Auswirkung sind, wie es behauptet wird. Ich argumentiere hier weniger für die im Fokus stehende Spielegattung, als viel mehr für Medienkonsumenten allgemein: ausgehend von einzelnen Fällen – so unfassbar schrecklich sie auch sein mögen – dürfen keine Schlüsse für eine Allgemeinheit gezogen werden. Insbesondere wenn bestimmte Gruppen zusätzlich bagatellisiert und, wie es nun mal die Entsorgungsaktion implizit wie explizit macht, beleidigt werden. Und das, obwohl keine Rechtsverstöße vorliegen.

Auf der anderen Seite könnten die in ein Verbot gesetzten (falschen) Hoffnungen viel eher   dazu führen, dass an anderen, weit aus wichtigeren Stellen, nicht mehr die notwendigen Anstrengungen investiert werden: Medienpädagogik, Bildung und Integration (in soziale Netze) wären hier passende Schlagworte. Es muss ein neuer Umgang mit Computern, Konsolen und den offerierten Unterhaltungsangeboten gefunden werden. Eltern dürfen sich den digitalen Inhalten nicht verschließen, sondern müssen lernen diese zu verstehen. In Schulen müssten Programme zu einem adäquaten Umgang mit diesen – eigentlich nicht mehr so neuen – Formen der Freizeitbeschäftigung entwickelt werden. Daneben müsste man auch Ausgleiche zu Leistungs- wie sozialem Druck finden. Isolation/Integration kann sicherlich auch als ein entscheidendes Moment identifiziert werden.

Mit einem Verbot wäre so gesehen mittel- und langfristig niemanden geholfen. Es sorgt für Aufruhr und hitzige Debatten, aber: was kommt dann? Es entbehrt bisher (meiner Meinung nach) einer handfesten argumentativen Grundlage; es erscheint viel mehr ein bloßer Aufschrei zu sein, der sich der möglichen Tragweite der geäußerten Forderung nicht ganz bewusst zu sein scheint. Eine „wir-müssen-irgendetwas-schnell-tun“-Aktion.

Zur anderen Seite, den „Spielern“ – oder jedenfalls den Leute, die stellvertretend für eine wie Quelle: http://www.welt.de/multimedia/archive/00170/caf_Killerspiele_DW_170225g.jpgauch immer geartete Spielergemeinschaft z.B. in Talkshows sprechen – konstatiere ich: ihre ‚Verteidigung‘ ist oftmals mehr als dürftig. Das ewige Rekurrieren auf das Training irgendeiner ‚Hand-Augen-Irgendwas-Koordination‘ und den Sport -/Taktikaspekt im ‚Ballerspiel‘ (ein besonders dummes Synonym) überzeugt nicht mal mich- und ich vertreibe mir sehr gerne die Zeit mit Computer-/Videospielen.  Natürlich mag das Ganze für einige Nutzer gelten, auch der  E-Sport-Zirkus spricht mit Sicherheit dafür. Aber ein gutes Argument gegen den Gewaltvorwurf in Spielen ist das nicht; es wirkt eher so, als versuche man über diesen Wege um den Elefanten im Raum herum reden zu wollen- zumindest argumentiert es am Diskussionspunkt vorbei. Gewalt ist integraler Bestandteil vieler Medienangebote – in Spielen, Filmen und Musik. Also auch Teil unserer Kultur. Dies sollte man offen eingestehen, alles andere macht nur unglaubwürdig. Man solle lieber hervorheben, dass letztlich Menschen mit Waffen töten – und nicht mit Programmen.

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